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Mordfall Ursula S. – Die DNA des Nachbarn

Wie winzige Hautschuppen einen scheinbar perfekten Cold Case nach 22 Jahren lösten

Es ist eine ausgelassene Mainacht des Jahres 1987, mit der der Mordfall Ursula S. seinen grausamen Anfang nimmt. Im kleinen Ortsteil Ostönnen, einem typischen 1000-Einwohner-Dorf im westfälischen Soest, feiert die gesamte Dorfgemeinschaft den Aufstieg ihrer lokalen Fußballmannschaft. Über 100 Gäste versammeln sich in einer umgebauten Scheune, es gibt Freibier und die Stimmung ist gelöst. Mittendrin ist die 26-jährige Ursula S., die bis tief in die Nacht hinter der Theke hilft und Getränke ausschenkt.

Gegen 03:15 Uhr macht sie sich schließlich auf den Heimweg. Ihr Verlobter bleibt noch in der Festhalle, um dort später mit Freunden zu übernachten. Ursula geht die wenigen hundert Meter zu ihrer Wohnung im Obergeschoss allein. Kriminalisten rekonstruieren später: Sie stellt in der Küche noch eine Schüssel Kartoffelsalat ab, legt Schlüssel und Portemonnaie beiseite und zieht sich eine graue Jogginghose an. Kurz darauf muss es geklingelt haben. Da es keine Aufbruchspuren gab, öffnete Ursula dem Täter höchstwahrscheinlich selbst die Tür – entweder im Glauben, ihr Verlobter habe seinen Schlüssel vergessen, oder weil sie den späten Besucher kannte.

Ein blutiger Tatort und ein Dorf unter Verdacht

Am nächsten Morgen wundert sich der Verlobte, dass Ursula nicht wie verabredet zum Aufräumen in der Festhalle erscheint. Als sie auf Klopfen und Klingeln nicht reagiert, geht er zunächst davon aus, sie schlafe noch ihren Rausch aus. Erst am Abend öffnet ein Nachbar mit einem Zweitschlüssel die Tür – und die Männer machen eine schreckliche Entdeckung: Ursula liegt tot neben ihrem Bett. Die Ermittler stehen vor einem regelrechten Blutbad, das den Mordfall Ursula S. zu einem der brutalsten Verbrechen in der Geschichte der Region macht.

Die rechtsmedizinische Untersuchung deckt das ganze Ausmaß der Tat auf: Ursula wurde Opfer einer versuchten Vergewaltigung. Um sich gegen die massive Gegenwehr der jungen Frau zu wappnen, würgte der Täter sie bis zur Bewusstlosigkeit. Anschließend holte er ein Messer aus der Küche und tötete die wehrlose Frau mit über 70 Stichen. Die Kriminalpolizei steht vor einer Mauer des Schweigens: Wie kann in einem kleinen Dorf unbemerkt ein derartiger Gewaltexzess stattfinden?

Die Ermittlungen laufen schnell ins Leere, da viele Partygäste stark alkoholisiert waren und Erinnerungslücken haben. Fast die Hälfte der Dorfbewohner war in der Tatnacht auf den Beinen, ein drückendes Klima des Misstrauens verpestet fortan das Miteinander im Ort. Am Ende gibt es rund 40 Verdächtige, doch niemandem ist etwas nachzuweisen, sodass der Mordfall Ursula S. als sogenannter Cold Case vorerst ins Archiv wandert.

Die späte Ermittlungsarbeit und der Durchbruch

Mehr als zwei Jahrzehnte vergehen, in denen der Täter unbehelligt sein Leben führt – mitten im Dorf, als angesehener Familienvater und engagierter Fußballtrainer. Doch die Ermittler der Dortmunder Mordkommission haben den Mordfall Ursula S. in all der Zeit nie vergessen. Anfang 2009 setzen sie alles auf eine Karte. Die forensische Kriminaltechnik hat sich seit den 80er-Jahren revolutioniert: Mussten Fahnder damals noch auf große Blutspritzer oder Spermaspuren hoffen, genügen heute mikroskopisch kleine Hautschuppen, um eine DNA-Spur gerichtsfest zu isolieren. Ein Beamter bringt die entscheidenden Asservate – darunter Ursulas graue Jogginghose und Kratzspuren unter ihren Fingernägeln – persönlich in das Rechtsmedizinische Institut der LMU München. Das Risiko, dass die Spuren beim Versand auf dem Postweg beschädigt werden, ist der Polizei zu hoch.

Das Wagnis zahlt sich aus: Die Forensiker extrahieren drei fremde DNA-Spuren. Sie gehören eindeutig zu einem Mann, der damals in der direkten Nachbarschaft lebte und in jener Nacht die Feier für etwa eine Stunde unbemerkt verlassen hatte. Im Februar 2009 klicken schließlich die Handschellen. Sechs Polizisten verhaften den inzwischen 40-jährigen Familienvater überraschend in seinem Schlafzimmer. Für viele Bewohner in Ostönnen ist es ein massiver Schock, dass jener beliebte Trainer, dem sie jahrelang ihre Kinder anvertraut hatten, nun im Mordfall Ursula S. der Hauptverdächtige sein soll.

Warum der Verdächtige plötzlich wieder frei war

Die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Arnsberg entwickelt sich in der Folge zu einem komplexen juristischen Tauziehen, denn der Mordfall Ursula S. ist ein reiner Indizienprozess. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. Seine Verteidigung stützt sich auf die Theorie eines „zufälligen DNA-Transfers“ und argumentiert, die Hautschuppen könnten durch unschuldigen Kontakt vor der Tatnacht dorthin gelangt sein. Das Gericht hält dies jedoch für abwegig, da Ursula die Jogginghose ausschließlich zu Hause trug und die DNA unter den Fingernägeln klar auf einen Abwehrkampf hindeutet.

Mitten im Prozess kommt es zu einer irritierenden Wende: Ein anonymer Brief aus den Niederlanden trifft ein, in dem behauptet wird, die blutige Kleidung des Täters sei damals im Garten gefunden und gereinigt worden. Das Gericht muss diesem Hinweis nachgehen, was den Prozess spürbar verzögert. Genau hier greifen die strikten Mechanismen des Rechtsstaates: Da der Richter nach einem Jahr Untersuchungshaft keinen ausreichenden Grund mehr sieht, dem Angeklagten eine noch längere U-Haft ohne rechtskräftiges Urteil zuzumuten, wird dieser vorübergehend wieder auf freien Fuß gesetzt. Für Außenstehende wirkt das oft wie ein Skandal, doch es entspricht dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit – solange keine Fluchtgefahr besteht und keine Schuld bewiesen ist.

Jugendstrafrecht für einen 40-Jährigen?

Am 22. Juni 2010 schließt sich der juristische Kreis im Mordfall Ursula S. nach über zwei Jahrzehnten endlich. Das Gericht sieht es als zweifelsfrei erwiesen an, dass der Täter die Wohnung betrat, Ursula sexuell angriff und den Mord beging, um die vorherige versuchte Vergewaltigung zu verdecken. Dieses „Verdeckungsmerkmal“ erfüllt juristisch den Tatbestand des Mordes – und Mord verjährt in Deutschland nie. Alle anderen Delikte waren zu diesem Zeitpunkt längst verjährt.

Doch warum fällt die Strafe im Mordfall Ursula S. für einen solch brutalen Gewaltexzess mit sechseinhalb Jahren Haft scheinbar verhältnismäßig gering aus? Der Vorsitzende Richter Willi Erdmann wendete zwingend Jugendstrafrecht an. Da der Täter zur Tatzeit im Jahr 1987 erst 18 Jahre alt war, verlangt das Gesetz, den Angeklagten nach seinem damaligen Reifegrad und den damaligen Strafrahmen zu verurteilen – nicht als den 40-jährigen Mann, der heute vor Gericht steht.

Ein Geständnis legte der Täter bis zum rechtskräftigen Urteil nicht ab. Dennoch konnte der Mordfall Ursula S. dank hochmoderner DNA-Technik, einer mutigen Beweiswürdigung und beharrlicher Polizeiarbeit gelöst werden. Es ist ein später, aber existenziell wichtiger Schlusspunkt für ein Dorf, das 22 Jahre lang gezwungen war, seine eigenen Nachbarn zu verdächtigen.