StartSicherheitEhrenamt im Bevölkerungsschutz: Studie warnt vor Kollaps

Ehrenamt im Bevölkerungsschutz: Studie warnt vor Kollaps

Neue Studie der DGKM deckt auf: Weniger als die Hälfte der Einsatzkräfte ist im Ernstfall verfügbar – Berufliche Doppelbelastung und fehlende Freistellungen werden zur Gefahr – Ein Weckruf an die Politik.

Das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz bildet das fundamentale Rückgrat der nationalen Sicherheit in Deutschland. Ob bei großflächigen Stromausfällen, schweren Unwettern oder Pandemielagen – die Bevölkerung verlässt sich darauf, dass Hilfe da ist, wenn es existenziell wird. Deutschland vertraut im Katastrophenfall auf eine gewaltige Zahl von über 1,7 Millionen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern in Feuerwehren, beim THW und in den Hilfsorganisationen. Doch eine aktuelle Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) zeichnet ein ernüchterndes Bild und zeigt auf, dass diese beeindruckende Zahl einer kritischen Betrachtung nicht standhält.

Die Studienergebnisse der DGKM fungieren als deutlicher Warnschuss für die Gesellschaft, da sie offenlegen, dass im tatsächlichen Ernstfall von der Papierstärke nur knapp die Hälfte übrig bleibt. Die Analyse verdeutlicht, dass lediglich 44 % der registrierten Einsatzkräfte tatsächlich verfügbar sind. Ein Hauptgrund für diesen massiven Schwund sind berufliche Verpflichtungen, da mehr als die Hälfte der Ehrenamtlichen bereits in kritischen Infrastrukturen wie Krankenhäusern, bei der Energieversorgung oder der Polizei arbeitet. Im Katastrophenfall werden diese Fachkräfte zuerst an ihrem regulären Arbeitsplatz gebraucht und können somit nicht parallel für den Katastrophenschutz ausrücken. Zudem sind viele Helfer in mehreren Organisationen gleichzeitig aktiv, können jedoch zeitgleich nur an einem Ort Hilfe leisten.

Reformstau und rechtliche Hürden beim Ehrenamt im Bevölkerungsschutz

Damit das System nicht kollabiert, macht die DGKM unmissverständlich klar, dass die Politik und die Gesellschaft dringend handeln müssen, um die Rahmenbedingungen für die Freiwilligen zu verbessern. Während Einheiten wie die Feuerwehr und das THW rechtlich oft gut abgesichert sind, hängt die Einsatzfreistellung bei vielen anderen Hilfsorganisationen häufig noch vom guten Willen des Arbeitgebers oder von unklaren regionalen Sonderregelungen ab. Um diese Unsicherheiten zu beseitigen, wird eine bundeseinheitliche Helfergleichstellung für alle Einsatzkräfte gefordert, völlig unabhängig von der jeweiligen Organisation oder dem Bundesland. Nur durch klare Regeln zur rechtlichen Absicherung und Freistellung können Helfer und Arbeitgeber sicher planen, ohne dass die Freiwilligen am Ende auf ihren Kosten sitzen bleiben.

Notwendige Weichenstellungen für das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz

Ein weiterer zentraler Aspekt der Studie ist die Forderung nach einer ehrlichen und systematischen Erfassung von Doppelrollen innerhalb der Verbände. Nur wenn bekannt ist, wer im Ernstfall bereits beruflich gebunden ist, lassen sich die verfügbaren Ressourcen realistisch einschätzen und massive Versorgungslücken verhindern. Dies betrifft nicht nur hochspezialisierte medizinische Aufgaben, sondern auch scheinbar einfache Tätigkeiten wie die Essensausgabe oder die Einrichtung von Notunterkünften, die im Krisenfall unter dem Personalmangel leiden. Um die Einsatzbereitschaft langfristig zu sichern, braucht es zudem eine nachhaltige Nachwuchsgewinnung und bessere Anreize wie Zuschüsse oder spezielle Ausbildungsangebote, die das Engagement sichtbar machen.

Trotz der problematischen Rahmenbedingungen bleibt das Engagement der Freiwilligen ungebrochen hoch, und die Möglichkeiten zur Mitwirkung sind vielfältiger, als viele Bürger zunächst denken. Das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz umfasst heute neben dem Sanitätsdienst auch Bereiche wie Logistik, Technik, Krisenkommunikation und sogar die psychosoziale Unterstützung von Betroffenen. Sogar IT-Know-how und Verwaltungskenntnisse werden händringend gesucht, um Einsätze in den Leitstellen zu koordinieren oder Material zu verwalten. Die DGKM betont abschließend, dass der Bevölkerungsschutz regional stabil aufgestellt sein muss, da überregionale Unterstützung bei großflächigen Ereignissen oft zu spät kommt. Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Arbeitgebern und Gesellschaft, die nötigen Strukturen zu schaffen, damit das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz nicht zur riskanten Illusion wird.